Mittwoch, 12. März 2008

Integration

Hier in Berlin leben viele türkische Familien - erste, zweite, dritte, vierte Generation (ab wann ist es eigentlich eine deutsche Familie und keine türkische mehr?). Und man hat ja oft diese Vorstellung über die traditionellen, patriarchalen Familienstrukturen: die Söhne dürfen alles, die Töchter werden unterdrückt und quasi eingesperrt.
Ich arbeite gerade bei einem Forschungsprojekt mit, und in Interviews mit türkischen Mädchen (in den meisten Fällen sind die Eltern immigriert) zeigt sich, dass diese 15- und 16-jährigen mit großer Selbstverständlichkeit "westliche" Werte und Normen leben: sie haben einen Freund, treffen sich mit Freundinnen (auch wenn die Eltern damit nicht einverstanden sind), sie nehmen am globalisierten Austausch qua Medien teil. Oft tun sie das heimlich, insbesondere von den Liebesbeziehungen dürfen die Eltern häufig nichts wissen. Also doch unterdrückt? Ich will nicht bestreiten, dass das oft eine Belastung ist. Und dass es tatsächlich (auch gewaltsam) unterdrückte Mädchen gibt.
Dennoch, viele dieser Mädchen behaupten sich selbst gegen die repressiven, traditionellen Normen ihrer "Herkunft" (genauer gesagt: der ihrer Eltern und Großeltern). Ohne einen offenen Bruch mit ihrer Familie zu provozieren und damit deren Rückhalt zu verlieren. Und das ist eine Form der Integration - des Sich-einen-eigenen-Weg-Suchens zwischen den Normen der Eltern, der deutschen Gesellschaft, der deutschen Jugendlichen.

Das hat mich beeindruckt.

vgl. das Konzept der segmentierten Assimilation in Portes/ Rumbaut: Ethnicities. Children of Immigrants in America. Berkeley: University of California Press. 2001.

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