Eine Studie von M. Gomolla und F.-O. Radtke über "die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule". Die Autoren suchen nach Ursachen dafür, dass "Migrantenkinder" (ich weiß nicht, ob das über die Staatsbürgerschaft oder die nationale Herkunft z.B. der Eltern definiert ist) seit Jahren nahezu unverändert geringere Bildungschancen haben als deutsche Kinder. Sie verlassen die Schule weit häufiger ohne Abschluss und gehen nach der Grundschule seltener aufs Gymnasium.
Herkömmliche Erklärungsansätze beziehen sich vor allem auf Eigenschaften der Schüler und ihrer Familien - klassisch z.B. der Kapitalansatz von Bourdieu (- Migrantenfamilien haben weniger kulturelles und ökonomisches Kapital, daher haben ihre Kinder weniger Erfolg in der Schule). In dieser Studie geht es dagegen um die Diskriminierung durch die Institution Schule, unabhängig von Einstellungen z.B. der Lehrer. "Danach wären es die geläufigen Wahrnehmungsmuster, Normen, Gewohnheiten und Routinen der Schule, die an die in der Schule allfälligen Selektionsentscheidungen angelagert sind, die immer aufs Neue eine stabile Ungleichverteilung der Bildungsabschlüsse entlang ethnischer Merkmale hervorbringen" (S. 17).
Im ersten Kapitel werden dann erstmal klassische Erklärungsansätze für Rassismus erläutert. Weiter hab ich noch nicht gelesen, und ich weiß nicht, ob ich in den nächsten Wochen dafür Zeit haben werde. Steht aber auf meiner "Lesen!"-Liste, weil es sicher interessant und wichtig ist, neben den (mir) geläufigeren Milieuansätzen auch mal die Organisations-/ Systemperspektive anzuschauen.
*Update*
Ich möchte noch einen Abschnitt zitieren, den ich sehr richtig und wichtig finde:
"Von den Akteuren in Organisationen, die blind solche Effekte der Diskriminierung in Übereinstimmung mit den gültigen Regeln produzieren [gemeint sind in diesem Fall Lehrer/ Lehrerinnen], ohne dies in böswilliger Absicht zu tun, werden also nicht heroische Einzelleistungen als Widerstand erwartet, sondern ein Maß an Reflexivität der eigenen Praxis, das ausreicht, die Folgen der eigenen Entscheidungen zu erkennen. Es wäre Teil einer entfalteten Professionalität gerade im Bereich der Erziehung, wo dauernd Selektions- und Promotionsentscheidungen zu treffen sind, die eigene Naivität über die Operationsweisen der Organisation abzulegen. Professionelle hätten zu lernen, daß man in einer Position, in der man als Organisationsmitglied folgenreiche Eingriffe in das Leben von Kindern vornehmen kann und muß, eben nicht unschuldig ist an dem, was man tut. Man muß wissen, was man tut, und das eigene Tun verantworten (können)." (S. 52f)
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